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Deutscher Familienausschuss hat getagt / German Committee on Family Affairs… About Intersex Video

25 Jun

Here the hearing in video and full length (only in german language):

http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a13/themen/39209706_kw26_pa_familie/index.html

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Deutscher Familienausschuss hat getagt / German Committee on Family Affairs… About Intersex

25 Jun

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Öffentliche Anhörung am 25. Juni 2012 zum Thema „Intersexualität“

(German Committee on Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth)

quick notice:

Today the German Committee on Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth was having a hearing on the situation on intersex people. The aim is to tackle the issue on utilising or clarifying the german law to protect the human rights for intersex babies, minors and adults – even though one of the invited „experts“ was Dr. Wunder from the German Ethics Council who continues to seperate so called CAH-XX-girls from the rest of us Inter* and legitimizing genital mutilation as „sex clarifying surgery“ for XX-CAH who supposedly are clearly female. (see also the recommendations of the german Ethics Council on Intersex)
The second aim is to look into the question of installing a third sex marker such as „other“ or „open/not assigned“ as permanent alternatives to the standard m/f categories.
Third point is to look into how to support /and/or create a structure for consulting/councelling for inter*parents and people – and some sort of fincancial compensation for those who have been misstreated and harmed for life and have to continue to live with the consequences.
We all hope this is just the beginning of a political change here in Germany.
Still, only about half of the members of this Committee was present at this first time hearing.

IVIM / OII-Germany Presseerklärung zur Stellungnahme des Deutschen Ethikrats vom 23.02.2012

23 Feb

Presseerklärung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) zur Stellungnahme “Intersexualität” des Deutschen Ethikrats vom 23.02.2012

IVIM-Pressemitteilung als PDF

Der Deutsche Ethikrat hat seine im Auftrag der Bundesregierung erarbeitete Stellungnahme zur Verbesserung der Lebenssituation intergeschlechtlicher Menschen veröffentlicht. IVIM begrüsst, dass der Ethikrat sich für eine finanzielle Förderung von Inter*- Organisationen ausspricht und die Peer-Beratung stärken möchte.

In zentralen Punkten bleibt allerdings die Stellungnahme hinter den Erwartungen von Inter*-Organisationen zurück!

Die Empfehlungen des Ethikrats zielen darauf ab, die Praxis irreversibler geschlechtsverändernder medizinischer Eingriffe im Kindesalter (ohne eigene Zustimmung der Betroffenen) einzuschränken. Grundsätzlich alle nicht lebensnotwendigen Eingriffe zu unterbinden und nur auf dieser Grundlage Ausnahmeregelungen für Jugendliche, die unbedingt selbst eine OP wünschen, zu schaffen, wie es IVIM und andere Inter*-Organisationen fordern, unterstützt der Ethikrat also nicht.

Ausserdem votiert er für die Möglichkeit, die standesamtliche Geschlechtsregistrierung aufzuschieben, und für die Option, „anderes”, statt „männlich” oder „weiblich” eintragen zu lassen. Beides solle aber nur gelten für „Personen, deren Geschlecht nicht eindeutig feststellbar ist”. Das bedeutet, dass nur bei vorliegender Intersex-Diagnose diese Optionen offen stünden und weiterhin die Medizin als gatekeeper der Geschlechtsklassifikation fungieren würde. Ins A Kromminga, Sprecher_In der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen, hatte es hingegen in der Anhörung beim Ethikrat als Voraussetzung für eine ernsthafte Veränderung der Situation bezeichnet, „der Medizin die Definitionshoheit über unser Verständnis von Geschlechtervielfalt zu nehmen.” Immerhin lautet der letzte Satz der Stellungnahme des Ethikrats, dass geprüft werden solle, „ob eine Eintragung des Geschlechts im Personenstandsregister überhaupt noch notwendig ist.” Dieses wichtige Votum wird allerdings nicht weiter ausgeführt und klingt daher nach ferner Zukunftsmusik.

IVIM fordert deshalb in übereinstimmung mit internationalen Intersex-Organisationen erneut

„die Gewährleistung der persönlichen, freien, vorherigen und vollständig informierten Einwilligung des_der Betroffenen als verpflichtende Voraussetzung für alle medizinischen Verfahren und Behandlungsrichtlinien.“1

Bezüglich des Personenstandsgesetzes fordert IVIM

die Streichung der amtlichen Geschlechtsregistrierung von Neugeborenen.
Alternativ: Eintragung offen lassen oder freiwillige Angabe mit einem Eintrag eigener Wahl. Diese Option muss allen Menschen offen stehen – ohne die Voraussetzung einer medizinischen Diagnose!

1Quelle: Forderungen des ersten internationalen Intersex Organisation Forums, Brüssel 2011; http://www.intersexualite.de/index.php/internationales-intersex-organisation-forum/

 

 

Erläuterung:

 

Rechtliche Regelung geschlechtsverändernder medizinischer Eingriffe: Leider empfiehlt der Deutsche Ethikrat keine rechtlich bindenden Regelungen gegen die Operationen im Kindesalter. Stattdessen setzt er offenbar auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Medizin (in Punkt 6-9), also vermutlich auf Leitlinienänderung. Von juristischer Kontrolle in Bezug auf eine anstehende Entscheidung über Behandlungsmaßnahmen im Kindesalter ist nur in Punkt 11 der Empfehlungen die Rede (die strafrechtliche Verfolgung, die in Punkt 14 angesprochen wird, bezieht sich auf nachträgliche Klagen gegen Verletzungen der informierten Einwilligung in Behandlungsmaßnahmen). Die Empfehlung, das Familiengericht in die Entscheidung über einen geschlechtsverändernden medizinischen Eingriff einzubeziehen, soll laut Ethikrat für den Fall einander widersprechender Vorstellungen von Kind und Eltern gelten. Offenbar bedarf es dafür eines unbenannten Schutzengels, der die Stimme des Kindes erhört und das Problem ans Familiengericht heranträgt. Wieso sollte aber die juristische Kontrolle nur im Falle von Diskrepanzen zwischen Kind und Eltern gelten – und nicht generell auch bei scheinbarer Zustimmung des Kindes? Selbst bei juristischer Kontrolle bleibt allerdings das Problem bestehen, dass bei Babys und kleinen Kindern nicht sichergestellt werden kann, dass sie eine von der Sichtweise der Eltern unabhängige Meinung haben. Eine scheinbare Zustimmung des Kindes zu einer geschlechtsverändernden Operation ist ein äusserst unsicherer Boden, um darauf eine so schwerwiegende Entscheidung zu gründen. Daher ist es nach Auffassung von IVIM nicht legitim, solche Eingriffe in einem Alter durchzuführen, in dem eine persönliche, informierte und unabhängige Entscheidung der Betroffenen nicht gegeben ist. Dass der Ethikrat hierzu keine konkreten rechtlichen Regelungen empfiehlt, ignoriert eine Kernforderung aller vom Ethikrat angehörten Inter*-Organisationen!

Ausklammerung von AGS aus Intersexualität: Die Empfehlungen des Ethikrats schliessen nicht aus, dass bei sogenanntem AGS (Adrenogenitales Syndrom) weiterhin im Kindesalter geschlechtsverändernde Eingriffe, sei es hormoneller und/oder chirurgischer Art, durchgeführt werden können, wenn sie mit dem „Kindeswohl“ begründbar sind (siehe Punkt 7). Das war ja auch bislang bereits die Praxis. Statt einer wirklichen Begründung findet sich nur der unhaltbare Hinweis darauf, dass ja ohnehin alle AGS „eindeutigen” Geschlechts (gemeint ist natürlich weiblichen Geschlechts) seien.2 Das spricht den Erfahrungen Hohn: Bei IVIM/OII sind Menschen mit AGS organisiert, unter anderem Blaine, Gründer_in von IVIM, die sich nicht nicht weiblich identifizieren sondern sich als Inter* begreifen. Michel Reiter, Inter*-Aktivist der ersten Stunde, lebt unter männlichen Namen. Sogar die Stellvertreterin der Elterngruppe der AGS-Eltern- und Patienteninitiative Frau Claße musste nach diesbezüglicher Kritik bei der letzten Anhörung des Ethikrats zugestehen, dass es Betroffene in ihrer Vereinigung gibt, die sich als Hermaphroditen sehen. Selbst der Ethikrat hat festgestellt, dass sich zwar 86 % Prozent der Menschen mit AGS, die an seiner Befragung teilgenommen haben, im binären Geschlechtersystem weiblich/männlich einordnen – das heisst aber umgekehrt: die verbleibenden 14 % tun dies nicht! Es gibt viele weitere Menschen, die nicht an der Befragung des Ethikrats oder an medizinischen Studien teilgenommen haben, und die nicht in das vom Ethikrat und der AGS-Eltern- und Patienteninitiative behauptete Schema weiblicher Geschlechtsidentität passen. AGS als Sonderfall darzustellen, bedeutet den Versuch einer politischen Spaltung der intergeschlechtlichen Menschen. Und es bedeutet eine rechnerische Herabstufung der Dringlichkeit, denn ein grosser Teil der Inter* sind Menschen mit AGS. In dieser Hinsicht ist der Ethikrat also eindeutig der medizinischen Strategie auf den Leim gegangen, Menschen mit AGS als Nicht-Inter* darzustellen.

Hinsichtlich des Personenstandsrecht soll es zwar die Möglichkeit des Aufschubs des Geschlechtseintrags geben und die Möglichkeit neben weiblich/männlich „anders“ eintragen zu lassen. Dies gilt aber nur, wenn körperlich ein „uneindeutiges“ Geschlecht vorliegt. Mit anderen Worten: wieder sind es medizinische Gutachter_Innen, die bestimmen, wer überhaupt berechtigt ist, diese Sonderregelung in Anspruch zu nehmen. Damit bleibt die Medizin gatekeeper der Geschlechtsklassifikation. Eine Grundforderung von IVIM ist hingegen, die Definitionsmacht der Medizin zu beenden.

2Generell kann die Geschlechtsidentität nur höchstpersönlich definiert werden. Die Festlegung eines Identitätsgeschlechts aufgrund von körperlichen Merkmalen ist reine Mutmaßung. Dies ist der Fall bei der geschlechtlichen Zuordnung eines jeden Menschen.Dies wird zB. durch die Existenz von Trans* und Inter* belegt, die sich nicht dem bei Geburt zugewiesenem Geschlecht zugehörig fühlen. In hohem Maße problematisch ist es, damit geschlechtsverändernde Eingriffe ohne persönliche informierte Einwilligung zu legitimieren.

 

Zur Stellungnahme [PDF]

WELTWEIT ERSTES INTERNATIONALES INTERSEX FORUM

9 Sep

Pressemitteilung (for english scroll down)

5. September 2011
Brüssel, Belgien

WELTWEIT ERSTES INTERNATIONALES INTERSEX FORUM

In Brüssel fand vom 3. bis 5. September 2011 das weltweit erste internationale Intersex Organisationsforum statt. Dieses historische Ereignis brachte 24 Aktivist_innen von 17 Intersex-Organisationen aller Kontinente zusammen.

Weltweit sind intergeschlechtliche Personen unmenschlichen und entwürdigenden körperverändernden Operationen und Hormonbehandlungen ausgesetzt, die ohne ihre persönliche Zustimmung geschehen. Diese Eingriffe werden durch die Medizin bestimmt und befinden sich außerhalb rechtlicher Regelungen. Diese Praktiken finden statt, um die Genitalien und Körper intergeschlechtlicher Menschen zu „normieren“ und an die binäre Geschlechterordnung von Männern und Frauen anzupassen. Die Pathologisierung von intergeschlechtlichen Menschen führt zu groben Menschenrechtsverstößen und verletzt ihre körperliche Unversehrtheit und Menschenwürde.

Das Forum einigte sich auf Forderungen, um die Diskriminierung intergeschlechtlicher Menschen zu beenden und ihre Rechte auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung zu gewährleisten:

 

  1. Beendigung der verstümmelnden und „normalisierenden“ Eingriffe wie Genitaloperationen, psychologischer und anderer medizinischer Behandlungen sowie der Praxis der Kindstötung und selektive Abtreibung (aufgrund von Intergeschlechtlichkeit) in manchen Teilen der Welt.
  2. Die Gewährleistung der persönlichen, freien, vorherigen und vollständig informierten Einwilligung des_der Betroffenen als verpflichtende Voraussetzung für alle medizinischen Verfahren und Behandlungsrichtlinien.
  3. Schaffung und Förderung von unterstützenden, sicheren und wertschätzenden Orten für intergeschlechtliche Menschen und diejenigen, die ihnen nahe stehen.

Dieses neue informelle Netzwerk wird sich für die Wahrung der Menschenrechte von Intergeschlechtlichen auf internationaler, regionaler und nationaler Ebene einsetzen. Das nächste Treffen des Organisationsforums soll Ende 2012 stattfinden.

Das Organisationsforum wurde von ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) und ILGA-Europe, unterstützt und gesponsert. Das Forum hat bereits Kooperationsverhandlungen mit Vertreter_innen von TGEU (Transgender Europe) und IGLYO (International Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer Youth and Student Organsiation) aufgenommen und wird breite Allianzen mit anderen Menschenrechts- und Gleichberechtigungs-Organisationen bilden, die sich für die Rechte von Frauen, die Rechte indigener Menschen und die Rechte von behinderten Menschen einsetzen.

ENDE

Kontakt für weitere Informationen:

Afrika:
Sally Gross +27 827884205 coordinator@intersex.org.za

Lateinamerika:
Mauro Isaac Cabral +54 (9) 351 5589876 maulesel@gmail.com

Nordamerika:
Jim Bruce +1 707-793-1190 jim@aiclegal.org

Asien:
Hiker Chiu, +886 0923868653 hiker@oii.tw

Australien und pazifischer Raum:
Gina Wilson +61 418290336 or +61 2 97499989 oiiaustralia@bigpond.com

Europa:
Del LaGrace Volcano +46 7626 88 312 or +46 19 33 52 03 dellagracevolcano@me.com

International:
Sebastian Rocca (ILGA) +32 471 80 20 99 director@ilga.org
Silvan Agius (ILGA-Europe) +32 2 609 54 17 or +32 496 708 370 silvan@ilga-europe.org

Online Diskurs des Deutschen Ethikrates zur Situation von Inters in Deutschland

13 Jun

Mit Abschluss der Anhörung vom 8.6.2011 (die im Übrigen per Audiomitschnitten hier nachzuhören ist) hat der Deutsche Ethikrat seinen Online-Diskurs gelauncht. Bis einschließlich Juli ist jede_r Inter, Herm, Zwitter aufgerufen, sich dort aktiv zu beteiligen, Erfahrungen und Meinungen mitzuteilen, denn:

Zitat Deutscher Ethikrat:

Die Ergebnisse der Anhörung am 8. Juni 2011 und der Befragung werden zusammen mit dem Meinungsbild, das sich aus dem Online-Diskurs ergibt, in die Stellungnahme des Ethikrates einfließen.

Hoffen wir, dass die Stellungnahme des Ethikrates an die deutsche Bundesregierung endlich zu einem Umdenken in unserer Gesellschaft führt und Taten folgen lässt, um unsere Lebenssituation zu verbessern und vor allem die Menschenrechtsverletzungen an intergeschlechtlichen Menschen zu stoppen!

Kommentar der IVIM zum BverfG Urteil Januar 2011

18 Apr

Kommentar der IVIM zum BverfG Urteil Januar 2011

Kurze Überlegung, welche Relevanz das Bundesverfassungsurteil zu Transgeschlechtlichkeit vom Januar 2011 für intergeschlechtliche Menschen hat:

von Blaine und Ins A Kromminga

Das Bundesverfassungsgericht formuliert in folgender Passage:

„1. Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG schützt mit der engeren persönlichen Lebenssphäre auch den intimen Sexualbereich des Menschen, der die sexuelle Selbstbestimmung und damit auch das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität sowie der eigenen sexuellen Orientierung umfasst (vgl. BVerfGE 115, 1 <14>; 121, 175 <190>).“
Abs. 51 – BVerfG, 1 BvR 3295/07 vom 11.1.2011, Absatz-Nr. (1 – 77), http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20110111_1bvr329507.html

In diesem Abschnitt des Urteils wird klar davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine „selbst empfundene geschlechtliche Identität“ besitzt – und er verweist auf das Grundrecht eines jeden Menschen welches den Schutz seiner Persönlichkeit, einschließlich der selbst empfundenen geschlechtlichen Identität, garantiert.
Die eigene Identität kann aber niemand ausser der betreffenden Person selbst kennen und, wenn alt genug, formulieren.
Eine Schwachstelle des Urteils ist, weiterhin ein Gutachten von sogenannten Sachverständigen zu fordern, die die geschlechtliche Identität feststellen sollen. Dies ist eine Bevormundung.

Was bedeutet diese Passage für Menschen, die das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht irgendwann in ihrem Leben als nicht (mehr) passend empfinden? Es gibt also ein Recht auf Anerkennung der Tatsache, dass sich die persönliche selbst empfundene geschlechtliche Identität im Laufe des Lebens ändern kann – oder eine Zuweisung bei der Geburt falsch war.
Die Geschlechtszuweisung eines jeden Menschen basiert auf einer reinen Vermutung. Es wird von körperlichen Merkmalen ausgegangen, wie sich ein Mensch „aller Voraussicht nach“ im späteren Leben identifizieren mag. Das ist bestenfalls Spekulation, im Falle von intergeschlechtlichen Menschen reine Willkür.

„Eine geschlechtsumwandelnde Operation stellt eine massive Beeinträchtigung der von Art. 2 Abs. 2 GG geschützten körperlichen Unversehrtheit mit erheblichen gesundheitlichen Risiken und Nebenwirkungen für den Betroffenen dar. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand ist sie jedoch auch bei einer weitgehend sicheren Diagnose der Transsexualität nicht stets indiziert. Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts bei Transsexuellen lässt sich nicht am Grad der operativen Anpassung ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale messen, sondern vielmehr daran, wie konsequent sie in ihrem empfundenen Geschlecht leben.“
Pressemitteilung zum Bundesferfassungsgerichtsurteil: http://www.transinterqueer.org/index.php/home/presse/11-januar-2011-bundesverfassungsgerichtsurteil.html#pressestelle

Es gibt Herms und Trans*Menschen die eine weitaus weniger stark ausgeprägte Affinität zu den anerkannten Geschlechtern haben, als es die Öffentlichkeit wahrnehmen will – es kann häufiger im Leben zu einem Wechsel des Empfindens der Geschlechtszugehörigkeit kommen oder es gibt das Empfinden, keinem der anerkannten Geschlechter anzugehören. Dies hat nicht automatisch mit einem Unbehagen oder gar einer Dysphorie zu tun, wie es gerne in der Psychologie oder Medizin dargestellt und pathologisiert wird. Im Gegenteil gibt es durchaus andere geschlechtliche Identitäten, die sich als genderqueer, trans- oder intergeschlechtlich bezeichnen lassen. Diese Tatsache wird weiterhin ausgeblendet und ist sicher auch nicht sehr willkommen in einer Gesellschaft, die einen Geschlechtsdimorphismus als wichtiges Ordnungsprinzip schützen und wahren will, wie auch die Pressemitteilung zum Bundesferfassungsgerichtsurteil deutlich macht. Diese nicht-akzeptablen Identitäten, und nicht zu vergessen, die nicht-akzeptablen Körperlichkeiten, die dieses Ordnungsprinzip allein durch ihr Dasein in Frage stellen, werden weiterhin durch unser Rechtssystem nicht geschützt. Im Gegenteil werden die „Abweichungen“ als krank deklariert und der Medizin übergeben. Nach wie vor sind es die Naturwissenschaftler und medizinischen Forscher, denen die Definitionsmacht obliegt, zu entscheiden, was und wer passend gemacht wird per Chirurgie und Medikation.

„(2) Der Gesetzgeber kann bei der Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen grundsätzlich von dessen äußeren Geschlechtsmerkmalen zum Zeitpunkt der Geburt ausgehen und die personenstandsrechtliche Anerkennung des im Widerspruch dazu stehenden empfundenen Geschlechts eines Menschen von bestimmten Voraussetzungen abhängig machen. Da das Geschlecht maßgeblich für die Zuweisung von Rechten und Pflichten sein kann und von ihm familiäre Zuordnungen abhängig sind [unsere Hervorhebung], ist es ein berechtigtes Anliegen des Gesetzgebers, dem Personenstand Dauerhaftigkeit und Eindeutigkeit zu verleihen, ein Auseinanderfallen von biologischer und rechtlicher Geschlechtszugehörigkeit möglichst zu vermeiden und einer Änderung des Personenstands nur stattzugeben, wenn dafür tragfähige Gründe vorliegen und ansonsten verfassungsrechtlich verbürgte Rechte unzureichend gewahrt würden. Dabei kann er, um beliebige Personenstandswechsel auszuschließen, einen auf objektivierte Kriterien gestützten Nachweis verlangen, dass die selbstempfundene Geschlechtszugehörigkeit, die dem festgestellten Geschlecht zuwiderläuft, tatsächlich von Dauer und ihre Anerkennung für den Betroffenen von existentieller Bedeutung ist.“
Abs. 61 – BVerfG, 1 BvR 3295/07 vom 11.1.2011, Absatz-Nr. (1 – 77), http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20110111_1bvr329507.html

Von welchen auf Geschlecht basierenden Rechte und Pflichten sprechen die Richter_innen? Sind die anerkannten Geschlechter nicht gleichberechtigt? Wo, ausser in der Ehe und dem Untertagebau (die Wehpflicht ist ja nun abgeschafft) wird noch nach Geschlecht unterschieden?

„Zwar verfolgt der Gesetzgeber mit dieser Voraussetzung das berechtigte Anliegen, auszuschließen, dass rechtlich dem männlichen Geschlecht zugehörige Personen Kinder gebären oder rechtlich dem weiblichen Geschlecht zugehörige Personen Kinder zeugen, weil dies dem Geschlechtsverständnis widerspräche und weitreichende Folgen für die Rechtsordnung hätte. Diese Gründe vermögen aber im Rahmen der gebotenen Abwägung die erhebliche Grundrechtsbeeinträchtigung der Betroffenen nicht zu rechtfertigen, weil dem Recht der Transsexuellen auf sexuelle Selbstbestimmung unter Wahrung ihrer körperlichen Unversehrtheit größeres Gewicht beizumessen ist.
Pressemitteilung zum Bundesferfassungsgerichtsurteil: http://www.transinterqueer.org/index.php/home/presse/11-januar-2011-bundesverfassungsgerichtsurteil.html#pressestelle

Mit dieser Argumentation ist auch ab sofort jeder Eingriff und jede normierende Zurichtung an intergeschlechtlichen Menschen nicht mehr verfassungskonform. Zwar widersprechen intergeschlechtliche Menschen allein durch ihr Dasein das gesellschaftliche Geschlechtsverständnis, doch wenn jedem Menschen, auch intergeschlechtlichen, die gleichen Rechte zustehen, kann jede Argumentation der Medizin nicht mehr tragen. Beispiele von Rechtfertigungen der Eingriffe an Inters* von MedizinerInnen wären zu nennen: Diskriminierungen durch eine intolerante Umwelt führen zum Leid des Kindes, wenn es anders ist; phobische Eltern, die ihr Kind aufgrund seiner untypischen Anatomie nicht annehmen können; eine potentielle Fortpflanzungsfähigkeit eines intergeschlechtlichen Menschen wird als Anlass für die Wahl des Geschlechts genommen. Die Fortpflanzungsfähigkeit wird häufig unter schweren medizinischen Eingriffen am Kind hergestellt und muss oft mit bis ins Erwachsenenalter reichende Behandlungen aufrecht erhalten werden – dabei kann bei einem Kind weder die geschlechtliche Identität vorhergesagt werden, noch die sexuelle Orientierung. Hinzu kommt die Tatsache, dass diese Zurichtungen ohne vollständig aufgeklärte Einwilligung des betreffenden Menschen geschehen, da es sich hier um (Klein-)Kinder handelt. Ebenso wird die Praxis der aufgeklärten Einwilligung bei erwachsenen Menschen missachtet, indem unvollständig oder falsch informiert wird. Die Folgeschäden an Leib und Seele führen zu weiteren (daraus resultierend notwendigen) medizinischen Eingriffen.
Es gibt ein Recht auf Fortpflanzung, das jeder Mensch selbstbestimmt nutzen kann, aber es gibt keine Pflicht, fortpflanzungsfähig zu sein!

„Die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen steht unter dem Schutz des Art. 2 Abs. 2 GG und ist Bestandteil des Rechts auf körperliche Unversehrtheit (vgl. BVerfGE 79, 174 <201 f.>). Wird einem Transsexuellen auferlegt, sich zur Erlangung der personenstandsrechtlichen Anerkennung im empfundenen Geschlecht operativen Eingriffen zu unterziehen, die seine dauernde Fortpflanzungsunfähigkeit herbeiführen, bringt ihn dies in die Zwangssituation, entweder dies abzulehnen, damit aber auf seine rechtliche Anerkennung im empfundenen Geschlecht verzichten zu müssen, was ihn dazu zwingt, dauerhaft im Widerspruch zu seiner rechtlichen Geschlechtszugehörigkeit zu leben, oder folgenreiche Operationen hinzunehmen, die nicht nur körperliche Veränderungen und Funktionsverluste für ihn mit sich bringen, sondern auch sein menschliches Selbstverständnis berühren, um auf diesem einzig möglichen Weg zu seiner personenstandsrechtlichen Anerkennung im empfundenen Geschlecht zu gelangen. Welche Entscheidung der Betroffene auch trifft, er wird stets in wesentlichen Grundrechten, die seine psychische oder körperliche persönliche Integrität betreffen, beeinträchtigt.“
Abs. 69 – BVerfG, 1 BvR 3295/07 vom 11.1.2011, Absatz-Nr. (1 – 77), http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20110111_1bvr329507.html

Gesellschaftliche, soziale und kulturelle Probleme wie Diskriminierung, Intoleranz, Ignoranz und Phobien basieren alle auf unserem binären Geschlechterverständnis und lassen sich, nach Ansicht der Medizin, durch die Zurichtung des andersgeschlechtlichen Körpers beheben. Allerdings sind es diese Eingriffe, die zu massiven Verletzungen der individuellen Grundrechte und Menschenrechte der sexuellen oder geschlechtlichen Selbstbestimmung und der körperlichen Unversehrtheit führen. Diese müssen aber, wie das Verfassungsurteil feststellt, ein höheres Gut sein als das Anpassen an eine geschlechtliche Norm. Scheinbar ist es nötig, sich bis zum Bundesverfassungsgericht durchzuklagen um als trans- aber auch als intergeschlechtlicher Mensch in den Genuss der Grund- und Menschenrechte zu kommen, die für die anerkannten Geschlechter schon gelten.

Jenseits der zwei Geschlechter?

28 Mai

Neues von der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM):
link

Am 27.Mai 2009 lud die Bundestagsfraktion der Grünen/Bündnis 90 zum Fachgespräch „Wie kann die Situation intersexueller Menschen verbessert werden?“ ein. Diesbezüglich haben wir zusammen mit dem Zwitter-AK des Berliner Vereins TransInterQueer e.V. (TrIQ) ein Informationsblatt entworfen, welches wir auf der Veranstaltung verteilt haben.

Einen längeren Kommentar zu der Veranstaltung werden wir an dieser Stelle noch nachreichen.

Das Faltblatt kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Jenseits der zwei Geschlechter? Verbesserung der Situation von intergeschlechtlichen Menschen durch medizinische Bevormundung?

Stellungnahme von IVIM und dem Zwitter-AK des TransInterQueer e.V. zum Fachgespräch am 27.05.2009 „Wie kann die Situation intersexueller Menschen verbessert werden?“

„Die Behandlungspraxis der Geschlechtsnormierung intersexueller Menschen wirft ethische Fragen auf“, so die Einladung zum heutigen Fachgespräch der Grünen/Bündnis 90-Bundestagsfraktion. Die irreversiblen Entscheidungen von Ärzt_innen und Eltern, die oft die chirurgische Geschlechtsnormierung von Säuglingen und Kindern bedeuten, sollen „auf den Prüfstand“ gestellt werden. Wege zu einem „Leben in Selbstbestimmung und Würde“ für intersexuelle Menschen sollen gefunden werden. Mit der Auswahl der Referent_innen aus Medizin und Psychologie liegt der Schwerpunkt jedoch nicht auf der gesellschaftlichen und politisch-rechtlichen Situation, nicht auf der kritischen Reflexion der herrschenden medizinisch-psychologischen Definitionsmacht und Praxis, sondern auf der Pathologisierung und Bevormundung intergeschlechtlicher Menschen.

Intergeschlechtlichkeit ist kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftlich-politisches Thema. Nicht die intergeschlechtlichen Menschen und ihre Körper sind das Problem, sondern die medizinisch-psychologische Praxis, bestimmte Menschen als geschlechtlich „fehlgebildet“ darzustellen und unter dem Begriff „Störungen der Geschlechtsentwicklung“, kurz „DSD“, zusammen zu fassen. Die Absicht ist es, sowohl Körper als auch Identitäten chirurgisch, medikamentös und psychologisch im Sinne der Zwei-Geschlechter-Norm zu „vereindeutigen“. Die neue Terminologie DSD zielt darauf, immer mehr Intersexvariationen auf genetischer Ebene nachzuweisen, um dafür einen Behandlungsbedarf zu rechtfertigen. So kann im Rahmen einer humangenetischen Beratung für werdende Eltern auch eine Empfehlung zum Schwangerschaftsabbruch, einer pränatalen Behandlung oder der Rat zum Verzicht auf eine Schwangerschaft gegeben werden.

Schon in den 90ern wies die Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) auf die Menschenrechtsverletzungen der medizinischen Praxis hin, und auf den Zusammenhang von gesellschaftlichen Normvorstellungen und der Sicht auf Intergeschlechtlichkeit als behandelbare und beforschbare „Störung“. Seit Jahren fordern Inter-Menschen und -Organisationen, das Problem als ein gesellschaftliches zu begreifen und Intergeschlechtlichkeit zu entpathologisieren.

Bei dieser Fachtagung wird erneut den sogenannten Expert_innen aus Medizin und Psychologie zuviel Gewicht eingeräumt, was deren Definitionshoheit reproduziert. Das bedeutet einen gravierenden Rückschritt.

Wege jenseits der Zwei-Geschlechter-Ordnung zu mehr Selbstbestimmung und Würde sind nur zu beschreiten mit der Befreiung und Emanzipation intergeschlechtlicher Menschen aus der medizinischen Bevormundung und mit einer ethischen Aufarbeitung, die auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung hinweist.

Intergeschlechtlichkeit muss entpathologisiert und die derzeitige Definitionsmacht der Medizin muss auf tatsächliche medizinische Probleme eingegrenzt werden. Intergeschlechtliche Menschen müssen als Expert_innen in eigener Sache gestärkt werden.

Ebenfalls angehängt waren unsere Forderungen

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